Interview mit Martin Schlageter

Martin Schlageter ist Sportphysiotherapeut des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Schon seit 1997 arbeitet der passionierte Sportler als Physiotherapeut der deutschen Kletternationalmannschaft. Deswegen begleitet er mehrere Male im Jahr den Nationalkader zu Weltcups, aber auch Welt- und Europameisterschaften im In- und Ausland. Er kennt sich also aus, was die körperlichen Effekte vom Klettern und Bouldern angeht. Im Interview gibt er Tipps, wie du typische Boulder-Verletzungen vermeidest und wie du optimal trainierst.

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Martin Schlageter ist selbst leidenschaftlicher Boulderer (Foto bereitgestellt: © Martin Schlageter)
am-fels.de: „Martin, als Physiotheropeut für Kletterprofis, die erste Frage an dich: Wie trainiert Bouldern eigentlich allgemein meinen Körper?“

Martin: „Der Effekt, den ich als wesentlich sehe, ist die deutliche Zunahme der Oberkörperkraft und der Rumpfstabilität. Das tut gerade der Wirbelsäule gut, vor allem bei den vielen Menschen, die sich in ihrem Alltag zu wenig bewegen. Speziell das Bouldern ist unheimlich intensiv für den Oberkörper und führt zu einem massiv stärkenden Effekt. Zusätzlich ist auch viel Beweglichkeit gefragt. Beim Bouldern oder allgemein beim Klettern merke ich natürlich auch deutlich, wenn ich übergewichtig bin und zusätzliches Gewicht mit mir herumschleppe. Möchte ich den Sport dennoch betreiben, lernen viele Leute sich dadurch bewusster zu ernähren, was dementsprechend einen reduzierenden Effekt auf das Übergewicht hat.“

am-fels.de: „Dann hilft Bouldern also allgemein, mein Körpergefühl zu verbessern und gesünder zu leben. Trotzdem die Frage: Welches Verletzungsrisiko bringt dieser Sport mit sich?“ 

Martin: „Es gibt da einige interessante Studien, beispielsweise von unserem Mannschaftsarzt Dr. Volker Schöffl, die zeigen, dass Bouldern, wie auch das Klettern am Seil, mit zu den sichersten Sportarten überhaupt gehört. Es kommt dabei nur zu extrem wenigen Verletzungen, die zum Beispiel nur einem Bruchteil der Verletzungen im Fußball entsprechen. Ich betreue nun seit 18 Jahren die deutsche Kletternationalmannschaft und habe auf den ganzen Wettkämpfen vielleicht zwei Knochenbrüche erlebt. Die Zahl ist jedenfalls verschwindend gering – und das im Wettkampfsport. Im Hallensport, wo es weniger aggressiv ans Limit geht, passiert meines Erachtens noch weniger.“

am-fels.de: „Bouldern findet ja auch in sicherer Absprunghöhe statt und ist in der Regel mit Schaumstoffmatten gesichert. Kleineren Verletzungen kommen beim Bouldern ja trotzdem vor. Wie kann ich als aktiver Boulderer da am besten vorbeugen?“

Martin: „Es gibt natürlich Verletzungen, im Sinne von Überlastungen, bei Leuten, die zu schnell zu viel wollen. Wie bei jeder Sportart muss man sich zuerst an neue Belastungen gewöhnen, sonst drohen Überlastungen an den Fingergelenken, Bändern oder Schultern. Legt man beispielsweise als Untrainierter im Kraftsport gleich zu hohe Gewichte auf, ergeben sich daraus natürlich auch Überlastungsbeschwerden. Es ist einfach wichtig, dass sich die Leute sinnvoll auftrainieren, sich Zeit lassen und gerade den Fingern Zeit geben, um sich an die neue Belastung zu gewöhnen. Da kann ich schon viel vorbeugen, wenn ich einfach mit Sinn und Verstand an die Sache herangehe. Wenn ich mich nach und nach versuche zu steigern, ist es auch eine verletzungsarme Sportart.“

am-fels.de: „Eine realistische Selbsteinschätzung und das Erkennen und Befolgen der Signale, die mein Körper mir gibt, sind offenbar ganz wichtig! Damit wir Boulderer da noch besser durchblicken: Gibt es bestimmte Muskeln oder Muskelgruppen, die beim Bouldern allgemein verstärkt trainiert oder eher vernachlässigt werden?“

Martin: „Der Oberkörper wird natürlich massiv belastet. Dabei werden die ganze Oberkörper-, Rumpf- und Armmuskulatur extrem gefordert. Die Beinmuskulatur ist dabei hingegen weniger limitierend. Die Beinkraft reicht in den meisten Fällen aus, da haben die Leute genug Kraft. Daher werden die Beine von Spitzenkletterern bewusst auch nicht auf Kraft trainiert, weil eine höhere Beinmuskulatur natürlich auch ein höheres Gewicht bedeutet, dass man mit sich herumtragen muss. Die Beine sollen bewusst eher schlank und schmal gehalten werden. Allerdings brauche ich eine hohe Beinbeweglichkeit, denn je beweglicher ich in den Beinen bin, desto mehr kann ich mir die Kraft im Oberkörper sparen. Dabei ist häufig ein Limit, dass die Leute in diesem Bereich eine zu verkürzte Muskulatur haben, zu unbeweglich in der Hüfte und den Beinen sind und dadurch häufig mehr Kraft im Oberkörper verschwenden müssen. Ich würde es als Ganzkörpertraining bezeichnen, wobei die Hauptlast auf dem Oberkörper liegt, aber es gibt keine Muskeln, die man auslassen kann. Man muss sich insgesamt verspannen und verschrauben können.“

am-fels.de: „Rätst du Boulderern zu einem ausgleichenden Athletik- oder Fitnesstraining?“

Martin: „Ich sehe es immer als sinnvoll an, Muskeln funktionell zu trainieren, also nicht nur am Gewicht hin- und her- beziehungsweise hoch und runter zu bewegen. Ich bin ein Verfechter von intelligenter Muskulatur, Boulderer sollen lernen damit umzugehen. Natürlich ist Krafttraining teilweise notwendig, je nachdem in welchem Bereich ich mich bewege, aber die Funktion ist immer das Entscheidende.

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Als Physiotherapeut der deutschen Kletternationalmannschaft versorgt Martin Schlageter so manche Verletzung (Foto bereitgestellt: © Martin Schlageter)

Man sieht es ja an den klassischen Bodybuildern, die nur die Muskeln an sich trainiert haben, aber dann auch dementsprechend sehr ungelenk daher kamen. Heute geht die Tendenz eher dahin, einen schön trainierten Körper zu haben, der eben auch funktioniert. Und da ist Klettern, denke ich, eine der Vorreitersportarten, weil man alles braucht: sehr viel Kraft, sehr viel Beweglichkeit und gerade deshalb würde ich von reinem Krafttraining absehen. Ich würde immer in der Funktion trainieren. Gerade körpereigenes Training ohne Gewichte fasziniert mich.“

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am-fels.de: „Welche funktionellen Trainingsgeräte verwendest du innerhalb deiner physiotherapeutischen Behandlungen zur Regeneration von Verletzungen?“

Martin: „Wie schon gesagt, bin ich ein Verfechter von Training mit Eigengewicht. Aber ich arbeite natürlich auch ab und an mit Kurzhanteln oder Seilzügen. Auch Thera-Bänder kommen ständig zum Einsatz. Damit arbeiten wir vor allem viel auf Reisen, um einseitigen Muskelüberlastungen vorzubeugen. Da bieten sich gerade die Thera-Bänder an, weil sie eben kaum Gewicht haben und Platz beanspruchen. Beispielsweise arbeiten die Kletterer im Flugzeug während dem Flug damit oder wenn wir in verschiedenen Ländern unterwegs sind. Jeder sollte zu Hause seine Regeneration damit betreiben. Zur Ergänzung ist in den letzten Jahren auch immer mehr der Massageroller hinzugekommen, weil bei den Sportlern ein Bewusstsein dafür entstanden ist. Viele haben diesen im Gepäck mit dabei: zur Vorbereitung auf den Wettkampf oder abends zur Nachbereitung. Damit lässt sich eine Selbstbehandlung, aber auch ein Aufwärmprogramm durchführen. Gerade nach langen Flügen tut eine Selbstbehandlung mit der Faszienrolle im Anschluss unheimlich gut, um Verspannungen aus dem Körper rauszubekommen.“

am-fels.de: „Welche Übungen können Kletterer denn mit einem Theraband machen?“

Martin: „Das Thera-Band nutze ich zum Beispiel viel zur Schulteraußenrotation, weil Kletterer dazu neigen, etwas zu viel Spannung auf der Innenrotation zu haben. Damit einfach keine Dysbalancen entstehen, führen wir Übungen häufig zum Warmmachen oder zum Cool-down nach dem Training durch, natürlich auch bei Verletzungen oder Operationen. Damit können Dysbalancen verhindert oder auch behoben werden.“

 

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am-fels.de: „Vielen Dank, Martin, das sind super Tipps, die du uns als Experte gibst! Eine Abschlussfrage: Hast du einen Ratschlag für Boulder-Anfänger, um schnell und ohne Verletzungen auf ein gutes Niveau zu kommen?“

Martin: „Ich empfehle immer ein intensives Rumpftraining, der Körperstamm muss kräftig sein. Man sollte viel Wert darauf legen, dass man im Rumpf sehr viel Kraft hat und diese Kraft dann Stück für Stück auch in den Extremitäten trainiert. Fängt man zu Beginn beispielsweise zu intensiv mit Fingerübungen an, ist das nicht sinnvoll. Die Überlastungsgefahr ist zu Beginn sehr hoch und ein schwacher Rumpf kann mir beim Klettern auch nicht helfen. Wichtig sind einfach ein gekräftigter Körperstamm und auch eine hohe Beweglichkeit. Umso beweglicher ich bin, desto weniger Kraft muss ich aufwenden und desto besser kann ich mich zum Griff hinbewegen.

Wenn dann speziell auch die Finger und die Kraft trainiert werden, sollte man langsam anfangen und seine Leistung über Monate oder auch Jahre aufbauen. Gerade in unserer Nationalmannschaft haben die Boulderer nur sehr wenige Fingerprobleme, trainieren aber auch nahezu täglich. Die Verletzten, die zu mir mit Fingerverletzungen in die Praxis kommen, sind eher die Wochenend-Vollgaskletterer, die die ganze Woche arbeiten und am Wochenende alles aufholen wollen. Das zeigt schon, wo der Fehler liegt.“

 

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