Nils Favre – Felskletterer mit Leib und Seele

Nils Favre ist ein Kletterer durch und durch. Er liebt es in der ganzen Welt unterwegs zu sein und dort an den schwierigsten Boulderprojekten zu tüfteln und schließlich auszubouldern. Im folgenden Interview verrät er uns, wie er zum Boulder gekommen ist, wo er sich seine Motivation holt und gibt wertvolle Tipps zum Training.

Nils Favre Green Mamba Vivi Monteiro
Nils Favre in den ersten Zügen der Green Mamba. (Foto: Viviane Monteiro)

am-fels.de: „Wie bist du zum Bouldern gekommen und wann warst du das erste Mal ohne Seil an der Wand unterwegs?“ 

Nils: „Ich habe mit dem Bouldern angefangen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nicht genügend Kraft hatte und ich komplexe Bewegungen für meine Projekte am Seil trainieren wollte. Ich habe mit 15 Jahren ungefähr mit dem Bouldern angefangen, zu dem Zeitpunkt bin ich bereits 8b Routen geklettert. Das Bouldern liegt mir, und momentan bouldere ich mehr als ich klettere, aber trotzdem macht mir das klettern auch sehr viel Spaß. In der nächsten Zeit möchte ich eigentlich wieder mehr Seilklettern.“

am-fels.de: Was unterscheidet Bouldern in deinen Augen vom Sportklettern und was macht es für dich so besonders?“

Nils: „Bouldern und Seilklettern sind beides Kletterdisziplinen, aber gleichzeitig unterscheiden sie sich auch in mancher Hinsicht, zum Beispiel wenn man sich die Art der Bewegung, oder auch die Art und Weise, wie es praktiziert wird, anschaut. Bouldern ist sehr intensiv und erlaubt es dir, wirklich die physischen Grenzen des menschlichen Körpers auszutesten, denn es gibt keine – oder kaum – Kontinuität. Man macht viele sehr kurze, maximalkräftige Bewegungen.
Das Seilklettern dagegen erfordert eine große Ausdauer und vor allem die Fähigkeit, eine große Anzahl an Bewegungen am Stück zu absolvieren. Auch der mentale Aspekt ist sehr unterschiedlich. Beim Bouldern muss man einfach den Kopf ausschalten können und alle Energie in einen einzigen Versuch stecken. Während es beim Seilklettern wichtig ist, seine Kräfte über die ganze Länge der Route gut einzuteilen, um auch für die letzten Züge noch genügend Energie zu haben. Bouldern ist außerdem viel geselliger, weil man oft zusammen mit anderen den gleichen Boulder projektiert, sich darüber austauscht und gegenseitig Tipps gibt. Beim Seilklettern fällt die Kommunikation weit knapper aus, da der Sicherende sich 30m unter dem Kletternden befindet.“

am-fels.de: Wie hältst du dich persönlich fit und was sind deine Tipps, worauf man beim Training am besten achten sollte.“

Nils: „Ich habe es geschafft, einfach dadurch “in a good shape” (fit) zu bleiben, dass ich viel und regelmäßig klettere. Während der letzten Jahre ist mit einer Ausnahme nie mehr als eine Woche vergangenen, in der ich nicht im Schnitt 3-5 mal klettern war. Ich glaube, dass es am wichtigsten ist, auf seinen Körper zu hören um Verletzungen zu reduzieren. Um aber das eigene Leistungsniveau wirklich zu seigern, sind auch sehr intensive Kletter- und Trainigsphasen wichtig, in denen der Körper dazu gewungen wird, seine physischen und mentalen Grenzen zu überschreiten.“

am-fels.de: Wo findet man dich am ehesten beim Bouldern – in der Halle oder draußen am Fels? Und wenn, welche Spots kannst du empfehlen?“

Nils: „Ich bin mit Leib und Seele Felskletterer. Was mich interessiert und mich reizt, ist es, schöne Linien am Fels zu klettern und meine Grenzen auszutesten, indem ich sehr schwere Boulder wiederhole. Über mehrere Jahre war ich so gut wie nie in der Halle klettern. Neben der Arbeit und dem Studium und an Regentagen klettere ich jetzt regelmäßiger in der Halle. Das macht mir auch viel Spaß, aber es ist anders. Die Kletterhalle nutze ich zum Training für meine Projekte. Es gibt unzählige Möglichkeiten um draußen klettern zu gehen. Was mir außerdem sehr gefällt ist die Vielfältigkeit und dementsprechend die unterschiedlichen Arten des Kletterns, der Felsen und der Lokalitäten. Le Vaila, Rocklands, Fontainebleau, Brione, Chironico, zum Beispiel…“

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Nils Favre liebt es unterwegs zu sein und sich weltweit den schwierigsten Boulderproblemen zu stellen. (Foto: Viviane Monteiro)

am-fels.de: Was war dein bisher größtes „Boulderproblem“ und in welchem Schwierigkeitsgrad bist du für gewöhnlich unterwegs?“

Nils: „Der schwerste Boulder, den ich bisher geklettert habe, ist “The Dirt Grows The Flowers” in Chironico (Tessin, Schweiz), der mit 8c bewertet ist. Ich mag es, neue Boulderspots zu entdecken und dabei Boulder im Grad 8a/+ zu klettern. Die schaffe ich in der Regel recht schnell und es macht viel Spaß. Aber der Schwierigkeitsgrad, der mir am meisten Spaß macht, ist 8b, denn das fordert wirklich viel Hingebung und ich bin gewungen, wirklich sauber zu klettern und mich voll zu konzentrieren, ohne allzuviele Tage an einem Boulder verbringen zu müssen.“

am-fels.de: Hast du konkrete Ziele/Projekte für die nahe und fernere Zukunft?“

Nils: „Ich habe immer noch einige Ziele, von denen ich träume. Mein größtes Ziel ist es auf lange Sicht sicherlich, nach und nach wieder zum Seilklettern zurückzukehren und einige sehr schwere Routen im neunten Grad zu klettern, sowie beim Bouldern mehrere 8cs zu wiederholen, um den Grad zu bestätigen. Aber auch unabhängig vom Schwierigkeitsgrad will ich auch weiterhin viel Reisen und durch das Klettern die Welt entdecken. Es gibt so viele Orte auf der ganzen Welt mit unglaublich großen Klettermöglichkeiten, ich habe einfach Lust dazu, so viele wie möglich zu entdecken.“

Nils Favre am fels
Bei Nils Favre steht der Spaß und die Natur beim Bouldern im Vordergrund. (Foto: Viviane Monteiro)

am-fels.de: Beim Bouldern gibt es auch oft Niederlagen oder schlechte Tage. Wie schaffst du es, die Motivation oben zu halten?“

Nils: „Niederlagen sind tatsächlich relativ oft der Fall beim Klettern, und es ist nicht immer leicht, damit umzugehen. Manchmal fällt es mir schwer, aber dann ist es am besten, ein Projekt oder eine Passage ruhen zu lassen und an einem anderen Tag mit freiem Kopf und weniger Druck zurückzukommen. Eigentlich sollte man sich dann nicht zu sehr auf den Durchstieg versteifen, sondern Spaß an den einzelnen Versuchen haben, auch wenn man jedesmal wieder ins Seil fällt!“

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